Sonntag, 3. September 2017

Ein Job zwischen Leben und Tod

Es ist 14:00 Uhr an einem Mittwoch im August, die Sonne scheint und strahlt gut wärmend auf unsere Köpfe.
Ich versehe an diesem Tag meinen RTW Dienst auf einer Rettungswache im Münchner Süden.
Ich und meine Kollegen Tim und Franz sitzen vor der Wache auf den Steinstufen und gönnen uns gerade eine kleine Pasue.
Die Einsatzstiefel offen, die Hose etwas hochgekrempelt und ein wohlverdientes Eis in der Hand.
Wir waren bereits seit zwei Stunden im Dienst und hatten schon ordentlich Arbeit hinter uns, allerdings noch nichts wirklich nennenswertes.

Gerade als wir unser Eis aufgegessen hatten, gingen die Melder los und alarmierten uns zum nächsten Einsatz. Auf unserem Navi im RTW stand als Meldebild #Geburt. Status 3 und los ging die Fahrt.
Ich war leicht nervös auf der Anfahrt, da ich bis jetzt noch keine präklinische Geburt hatte und somit auch nicht wirklich wusste, was auf mich zukommen könnte.
Natürlich hatten wir in der Schule eine Crashkurs was Geburten betrifft, aber auch dort haben wir das Thema Geburt und Pädiatrie noch nicht näher durchgenommen.
Also ging ich während der Fahrt alles im Kopf durch was ich bis dato über Geburt wusste. Welche Fragen müssen der werdenden Mutter gestellt werden? was tun, wenn das Kind an Ort und Stelle zur Welt kommt? Was muss alles im Auto für den Transport vorbereitet werden? Was nehmen wir alles zur Patientin in die Wohnung mit hinein?
Wenige Minuten später waren wir am Einsatzort - ein Einfamilienhaus.

Mit Rucksack, EKG, Sauerstoff und Kinderkoffer unterm Arm ging es los, in spannender Erwartung, was hinter der Haustüre auf uns wartete.
An der Türe empfing uns schon der stolze werdende Vater, der uns zu seiner Frau begleitete, welche im Schlafzimmer auf dem Bett lag.
"Die Fruchtblase ist gerade geplatzt", entgegnete sie uns. Sie hatte allerdings noch keine Wehen und die Schwangerschaft verlief bis jetzt auch ohne Komplikationen.

Alles klar - Franz und ich bereiteten alles für den Transport vor, während Tim bei der Patientin blieb.
Mit dem Tragestuhl aus dem engen Schlafzimmer, vor der Haustüre auf die Trage umlagern und dann ab in die Klinik. So war der Plan, der auch reibungslos umgesetzt werden konnte.

Wenig später kamen wir auch schon am Kreissaal an und übergaben die glückliche Patientin inklusive dem (mittlerweile etwas nervösen) Mann in die Hände des Klinikpersonals.
Und ich muss immer noch auf meine erste präklinische Geburt warten und werde weiterhin angespannt im RTW sitzen, wenn es wieder heißt Meldebild #Geburt.

Nach diesem Einsatz dauerte es auch nicht lange, bis uns die Leitstelle erneut alarmierte.
Diesesmal war das Meldebild #Atmung vitale Bedrohung, was soviel heißt, wie der Patient hat eine akute Atemstörung aus welchen Gründen auch immer.

Dieses Meldebild ist mir durchauch geläufiger als eine Geburt. Auf der Anfahrt bereitet man sich dennoch innerlich darauf vor, was einen an der Einsatzstelle erwarten kann, obwohl es dann meistens sowieso anders kommt - wie auch bei diessem Einsatz.

An der Einsatzstelle angekommen erwartete uns schon eine Dame an der Einfahrt, die Tim gleich an der Hand packte und in das Haus zerrte.
Franz und ich schnappten uns Rucksack und EKG und folgten ihnen.
Im Wohnzimmer lag unser Patient, ein älterer Mann mit blasser Hautfarbe, in seinem Wohnsessel. Ich sprach den Patienten an und rüttelte ihn am Arm - keine Reaktion - Atemkontrolle und Pulskontrolle - keine Atmung, kein Puls.
Sofort legten wir den Patienten auf den Boden und begannen mit der Reanimation.
Franz führte die Herzdruckmassage durch, während ich den Defibrillator und den Beatmungsbeutel vorbereitete.

Kurz nach Beginn unserer Maßnahmen traf auch schon das HLF der BF München ein, die uns unterstützten. Franz wurde von einem Feuerwehrmann abgelöst, sodass er sich um einen intravenösen Zugang kümmern konnte. Tim bereitete eine Infusion und die Medikamente vor. Da ein Kollege der Feuerwehr auch Rettungsassistent war, übernahm dieser die Position am Kopf des Patienten. Diesem durfte ich alle Materialien für eine endotracheale Intubation anreichen.
Allerdings kam es gar nicht soweit, dass wir den Patienten intubierten. Denn als der Notarzt eintraf, wurde die Reanimation durch diesen abgebrochen.
Ausschlaggebend für diese Entscheidung war zum einen eine Patientenverfügung, die Masse an Vorerkrankungen, sowie das Alter des Patienten, die unklare Zeit des Herz-Kreislauf-Stillstandes und der aktuelle Herzrhythmus, der leider nur noch eine "Nulllinie" war.

Die Kollegen der Feuerwehr räumten danach sofort wieder das Feld, um wieder einsatzklar zu sein.
Der Notarzt schrieb sein Protokoll, redete noch etwas mit den Angehörigen und verließ nach getaner Arbeit die EInsatzstelle auch wieder.
Wir als Rettungsdienst hatten die ehrenvolle Aufgabe das Eintreffen der Polizei abzuwarten, die bei einem Todesfall standartmäßig mit hinzu kommt.
Währenddessen kümmerten wir uns natürlich weiterhin um die Angehörigen, setzten uns zusammen mit ihnen an einen Tisch und lauschten den Geschichten über den Verstorbenen bis die Polizei auftauchte.
Nachdem wir dieser alle relevanten Daten übergeben hatten, entfernten auch wir uns von der Einsatzstelle und fuhren zurück auf die Rettungswache.


Eigentlich sind das für den Rettungsdienst zwei normale Einsätze, wie sie Tag für Tag vorkommen. Was mich allerdings faszinierte, war der Fakt, dass wir zuerst einen Einsatz hatten, wo ein neues Leben das Licht der Welt erblickte und danach einen, wo ein Leben erloschen war.
Purer Zufall, oder hatte der ältere Mann für ein neues, junges Leben Platz machen müssen? Ob man an einen höheren Plan diesbezüglich glaubt ist natürlich an dieser Stelle jedem selbst überlassen.


Mit den besten Grüßen aus München,
Patrick

Anmerkung: Alle genannten Namen und Ortsangaben sind aus Datenschutzgründen frei erfunden.