Samstag, 25. Juli 2020

Ein Notfallsanitäter in den Bergen - Wandertagebuch

Liebes Tagebuch,

heute war ich in den Bergen wandern.
Wem es hier bereits zu langweilig wird und keine Lust mehr hat weiter zu lesen, hier die Kurzfassung: Ich war wandern, in den Bergen, es ging steil bergauf und auch wieder steil bergab, es war toll.

Für alle die etwas mehr Details wissen möchten - hier kommen sie...

Den Rettungsdienst in allen Ehren, aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man einen guten Ausgleich dazu braucht. 12 Stunden Schichten, also 4 Arbeitstage pro Woche sind dann doch auf Dauer viel, wenn man abseits davon nicht wirklich etwas macht.
Deswegen dachte ich mir wandern wäre doch eine tolle Sache, raus in die Natur, weg von der Großstadt und im Optimalfall auch weg von anderen Menschen.
Nachdem ich die ersten beiden Male schon ganz gut und ohne größere Verletzungen überstanden habe, wollte ich diesesmal eine etwas längere Tour in Angriff nehmen - 3 Gipfel in 5 Stunden.

Nach dem Motto "Der frühe Vogel fängt den Wurm" und dank Carsharing fuhr ich heute früh um 6 Uhr los Richtung Jenbachtal. Nicht ganz ohne Hintergedanken, denn so früh sind vergleichsweise wenig bis gar keine Leute auf der Autobahn unterwegs und auch am Parkplatz war ich um 7 Uhr erst das dritte Auto.

Voller Tatendrang ging ich dann auch gleich los, rauf auf den Berg.
Der Anfang war sehr moderat, gemütliche Wanderwege, kleine kurze Anstiege...doch so sollte es nicht lange bleiben.
Nach ca. 20 Minuten Gehzeit kam der erste etwas längere Anstieg, bergauf, bergauf, bergauf.
So wie fast jedes Mal, wenn es zum ersten Mal etwas anstrengender wird, fragte ich mich auch heute wieder warum ich mir das eigentlich antue und nicht stattdessen zu Hause vor dem Fernseher vor mich hin vegetiere. Naja, die Antwort dafür steht ja bereits in der Einleitung, deswegen Zähne zusammenbeißen und weiter nach oben wandern.
Ich hörte mich zu diesem Zeitpunkt übrigens an wie eine quietschende, dampfende alte Dampflokomotive. Ja was soll ich sagen, mein Couch, Netflix und Chips verwöhnter Körper braucht eben immer etwas Anlauf, bis er sich an die neue Umgebung gewöhnt hat.
Ab der Hälfte hat zu allem Überfluss dann noch so ein kleines Männchen Kohlen ins Feuer geworfen, damit die Lok mehr dampft und weiter fährt. Gut, in meinem Fall hat das Männchen eher an dem Rädchen meiner Pulsfrequenz gedreht, bis es auf Anschlag war.
Nach besagtem Anstieg ging es (Gott sei Dank) wieder gemütlicher weiter, mein Körper hatte sich akklimatisiert und nach wenigen Metern im Flachen spürte ich auch gar nicht mehr meinen Puls im Hals - also alles wieder in bester Ordnung.

Nach etwa einer Stunde sollte ich laut Tourenbeschreibung den ersten Gipfel, den Mitterberg erreichen. Die Stunde war rum, allerdings sah ich kein Gipfelkreuz, sondern den nächsten Wegpunkt für den Aufstieg zum zweiten Gipfel. Komisch.
Als ich mich umdrehte sah ich auch prompt den fehlenden Gipfel - ich bin einfach dran vorbei gegangen. Aber nachdem ich mir felsenfest (Achtung Wortspiel :-)) vorgenommen habe jedes der drei Gipfelkreuze nicht nur zu sehen, sondern auch wirklich davor zu stehen und zu berühren, drehte ich um und marschierte zu meinem ersten Ziel hoch.
Oben angekommen erwartete mich ein toller Ausblick und in meinem Rucksack das Frühstück.

Gestärkt ging es weiter, an nun bereits bekanntem Wegpunkt vorbei Richtung Gipfel Nummer zwei, der Rampoldplatte.
Der Weg verlief quer über eine Almwiese, am Ende eine kleine private Alm und davor ein Kasten mit verschiedenen gekühlten Getränken, die man sich gegen eine kleine Gebühr mitnehmen durfte. Selbstredend unterstütze ich die regionalen Bauern und mit einer Johannisbeerschorle im Gepäck ging es weiter.
Den zweiten Gipfel habe ich nach insgesamt gut 2 Stunden Gehzeit gleich auf den ersten Anlauf gefunden, ganz ohne Umweg. Am Gipfelkreuz begegnete ich zwei Jungs, die mal eben so locker meinten, dass sie den Weg, für den ich knapp 2 Stunden brauchte, in 1 Stunden und 10 Minuten gewandert sind. Respekt.
Nach kurzem obligatorischen Wetter Smalltalk und der Tatsache, dass wir das gleiche Ziel hatten, nahm ich ihren Vorschlag gerne an, dass wir den weiteren Weg zusammen bestreiten. Das Tempo haben sie wegen mir nicht wirklich gedrosselt, allerdings kam ich erstaunlich gut hinterher - ganz ohne, dass ich meinen Puls wieder im Kopf spürte.

Über die gesamte Wanderung hinweg spazierte man immer wieder durch Weidegebiete hindurch. Das war bis zu diesem Zeitpunkt auch absolut kein Problem. Entweder machten die Kühe rechtzeitig Platz, oder man machte einen Bogen um sie.
Nicht so bei dem bockigen Rind, welches uns den Weg versperrte und offenbar kampflustig war.
Einer nach dem anderen soll in großem Bogen dran vorbei gehen - so war zumindest unser Plan.
Ich und einer meiner neuen Weggefährten schafften es auch anstandslos. Doch unser Schlussmann gefiel Rind Herbert (ich taufe es jetzt einfach mal so) scheinbar nicht so. Herbert machte einen großen Satz auf ihn zu, wobei er richtig reagierte und einen noch weiteren Bogen machte. Doch das fand Herbert immer noch nicht ganz so knorke und ging weiter energisch auf unseren Schlussmann zu. Lange Rede kurzer Sinn - keiner verletzt (weder Mensch noch Tier), alle überlebt.
Nach diesem kurzen Schreckmoment konnte es unbeirrt weiter gehen.

Der dritte und planmäßig letzte Gipfel der Rundtour ist der Höchste mit seinen 1624 Metern. Das merkte man auch an den Wegen und Pfaden, die sich den Berg hochschlängelten.
Über Stock und über Stein, zwischen Felsen und Bäumen, fernab von sämtlichen Almwiesen ging es nach oben. Kurz vor den letzten Metern standen wir jedoch plötzlich vor einer Felswand. Nun gut, der Berg heißt offensichtlich nicht umsonst Hochsalwand - es war eine Wand und die war hoch.
Aber das sollte uns nicht vom Aufstieg abhalten. Wagemutig kletterten wir hoch.
Zugegeben war die Kletterei in so luftiger Höhe doch leicht anstrengend, aber die Aussicht vom Berggipfel entschädigte alles.
Die geplante Jause (= Brotzeit) musste leider aufgrund der wechselnden Wetterlage ausfallen und so machten wir uns relativ zügig wieder auf den Weg nach unten ins Tal.
Zum Glück haben sich die aufziehenden Wolken dann doch rasch verzogen und die Sonne kam wieder hervor.

Der Abstieg war angenehm leicht und führte erneut über Almwiesen und Waldboden.
Nach etwa 25 Minuten erreichten wir eine Weggabelung, an der es zum einen weiter ins Tal hinab, aber auch zu einem anderen Berggipfel hinauf ging.
Kurzerhand entschloss ich, dass ich motiviert bin, verabschiedete mich von den Jungs und nahm somit Gipfel Nummer vier in Angriff. Es war der Wendeltsein mit seinen 1838 Metern, an dem nebendran, teilweise sogar direkt durch den Berg, die Wendelsteinbahn fährt.

Der Aufstieg zum Wendelstein war nochmal eine Herausforderung. Sehr steil über unbefestigtes Geröll ging es los und es wollte einfach nicht abflachen. Nur ein kurzer Weg unter der Wendelsteinbahn durch war flach, doch danach ging es wieder steil bergauf. Diesesmal ohne Geröll, sondern auf künstlich angelegten Stufen, die zum Ende hin dann sogar in gemauerte Betonstufen übergingen.
Doch noch kurz zu einer Sache, die ich in dem Geröllabschnitt mehrfach gesehen habe und bis jetzt noch nicht weiß wieso, weshalb und warum man so etwas macht.
Teilweise ganze Familien haben sich ihren Weg durch das Geröll gebahnt. Aber nicht mit einer ordentlichen Wanderausrüstung, nein. Mit normalen Straßenschuhen. Nicht einmal Turnschuhe, nichts.
Naja und es kam, wie es kommen musste. Eine feine Dame in Sneakers, viel zu großen Wanderstöcken und leichter Bekleidung, rutschte aus und verletzte sich den Fuß.

Und um dem Titel auch etwas gerecht zu werden: Selbstverständlich habe ich mich sofort als Notfallsanitäter zu erkennen gegeben, aus meinem Rucksack die elektrische Absaugpumpe und die Vakuum-Beinschiene hervorgeholt und sogleich der verletzten Dame den Fuß geschient. Währenddessen den Notruf abgesetzt und einen Rettungshubschrauber angefragt. Als die Rettungskette in Gang gesetzt war und das Bein geschient, holte ich die Schleifkorbtrage hervor, die ich an meinem Rucksack befestigt hatte, um die Dame zur Landestelle des Hubschraubers zu bringen...
Na gut, um ehrlich zu sein, ganz so is es jetzt nicht abgelaufen. Der Teil mit der Fußverletzung stimmt tatsächlich, der Rest ist...nennen wir es künstlerische Freiheit.
Die Dame und ihr Begleiter konnten noch selbst zur nahegelegenen Alm absteigen und kümmerten sich dort selbst um weitere Hilfe. Ich konnte also ganz entspannt weiter meinen Weg nach oben fortsetzen.

Oben angekommen erreicht man nicht direkt den Gipfel, sondern einen vorgeschobenen Platz, an dem die Bergstation der Wendelsteinbahn ist, sowie eine kleine Aussichtsplattform mit einer bayerischen blau-weiß karrierter Fahne und eine Gaststätte. Nebendran geht der endgültige Weg hoch auf den Gipfel.
Da ich nun schon einige Stunden unterwegs war, entschied ich mich zuerst für eine kleine Stärkung, bevor ich den nun wirklich letzten Gipfel des heutigen Tages erreiche. Natürlich alles unter Einhaltung der aktuell geltenden Hygienevorschriften. Ich empfand das sehr angenehm - man bekam einen Tisch zugewiesen, musste nicht zusammengepfercht mit anderen auf einem tisch sitzen und man konnte, bzw. musste das Tablett auf dem Tisch stehen lassen und durfte es nicht selbst wegräumen.
Kurz darauf legte ich auch schon los. Den Aufstieg musste ich mir mit etlichen Touristen teilen, die mit der Bahn hoch gefahren sind und die letzten 15 Minuten zwangsläufig zu Fuß absolvieren mussten.
Das Bergpanorama von oben war wunderschön und man konnte sogar die österreichischen Alpen erblicken.

Nun aber war es wirklich genug für heute. Der letzte Abstieg ins Tal zeigte sich wieder sehr angenehm. Lockere Waldböden mischten sich mit Steinwegen und Asphaltstraßen. Nach gut 1 Stunde und 25 Minuten war ich dann auch wieder am Parkplatz angelangt.

Mit dem spontanen Aufstieg auf den Wendelstein waren es somit 4 Gipfel und insgesamt 7 Stunden Gehzeit.
Gar nicht mal so schlecht würde ich sagen. So, und jetzt fall ich erstmal ins Bett und schlafe eine Runde.

Bis zum nächsten Mal liebes Tagebuch,
dein Patrick