Aufstehen, Schuhe anziehen, die Jacke schnappen, raus ins Treppenhaus und runter zum Auto. Ein Klick auf das blaue Fähnchen am Navigationsgerät verrät uns, wo uns dieser Einsatz hinführt. Das Schlagwort "#Schmerzen" ist darauf zu lesen, unweit unseres Standortes - so soll es sein.
Anschnallen, Status 3 drücken, Motor starten und los geht's auch schon. Kurz vor dem Ausfahrtsschranken wird der Knopf gedrückt, der die schwarze Nacht in Farbe hüllt - das Blaulicht am Dach und am Kühlergrill unseres Rettungswagens leuchtet und blitzt über den aufgehenden Schranken hinweg gegen die Hauswand und auf die Straße.
Um diese Uhrzeit ist außer uns keiner auf den Straßen unterwegs. Wir überqueren die Isar auf der beleuchteten Brücke und fahren am Tierpark vorbei, wo dessen Bewohner gerade ebenso friedlich schlafen, wie der Rest der Stadt. Naja fast - wir sind nämlich hellwach.
Während wir mit Blaulicht über die Straßen der Stadt gleiten, überlegen wir uns, was uns dort nun erwarten könnte. Um welche Schmerzen handelt es sich, wo genau hat der Patient diese Schmerzen und handelt es sich eventuell sogar um einen lebensbedrohlichen Herzinfarkt? Ist der Patient kurz vor der Bewusstlosigkeit aufgrund seiner starken Schmerzen, oder ist es verhältnismäßig eine Nichtigkeit, wie etwa ein verstauchter Fuß oder ähnliches?
Währenddessen ist der Blick immer nach vorne auf die Straße gerichtet und der Anblick, der sich uns nach einigen hundert Metern Fahrt bietet ist nahezu idyllisch - man könnte schon fast sagen kitschig, romantisch.
Das Blaulicht leuchtet die gesamte Straße aus, selbst die Bäume links und rechts am Gehweg sind in blaues Licht getaucht - vor uns der Mond, so groß und tief stehend, als wäre er zum greifen nahe. In dieser Nacht kann man meinen ist die Straßenbeleuchtung überflüssig, da der Mond am wolkenfreien Himmel die Stadt wunderschön ausleuchtet.
Für einen kurzen Moment dürfen wir diesen wundervollen Anblick und die Stille genießen, inmitten der Anspannung der Einsatzfahrt und des noch unbekannten, kommenden Patienten.
Drei Kurven später stehen wir vor der Einsatzadresse, vor dem Haus, in dem wir sehnsüchtig erwartet werden.
Status 4 gedrückt, Blaulicht ausschalten, Warnblinkanlage und Heckwarnleuchten an - für einen Augenblick ist nur das Klacken der Blinker im inneren des Fahrzeuges zu hören - noch einmal für eine Sekunde sammeln. Die Türen gehen auf, wir steigen aus, schultern uns das EKG und den Rucksack und verschwinden durch das Gartentor ums Hauseck, um dort dem bis jetzt unbekannten Patienten zu begegnen.
Unser Rettungswagen steht nun orange leuchtend und blinkend am Straßenrand, Auge in Auge mit dem gigantischen Mond und wartet darauf, dass wir wieder zurück kommen und mit ihm erneut über Münchens Straßen gleiten und sie in blaues Licht tauchen.
Noch weitere zwei Mal in dieser Nacht wird uns der Melder wieder hellwach rütteln, das Treppenhaus uns den Weg zum Auto ebnen, das blaue Fähnchen uns den richtigen Weg zeigen und das Blaulicht die Nacht um ihr düsteres schwarz bringen...




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